Hat das Pay-TV eine Zukunft?

Er kam, er bezahlte und dann sah er
–Hat das Pay-TV in Deutschland eine Zukunft? –

1 Einleitung
Am 04. Oktober 2010 berichtete die „Financial Times Deutschland“ der Fernsehsender MTV werde ab Januar 2011 zum Pay-TV-Kanal umgebaut (vgl. Knappmann, 2010). Berichte gingen durch die Presse: MTV würde in die Belanglosigkeit geraten. Andere sahen MTV als den Hoffnungsträger für das Bezahlfernsehen in Deutschland (vgl. DWDL.de, 2010). Durch diesen Schritt des Musiksenders ist das Thema Pay-TV in der deutschen Fernsehlandschaft wieder fokussiert worden. Nach über 20 wenig erfolgreichen Jahren Abonnentenfernsehen in der Bundesrepublik stellt sich die Frage: Hat das Pay-TV in Deutschland eine Zukunft? Möglicherweise muss bei der Landung auf dem Mars oder schon bei der nächsten Fußball-Weltmeisterschaft das Portemonnaie bereit gehalten werden.

2 Eine kurze Geschichte des Pay-TV in Deutschland
2010 gibt es in Deutschland eine Fülle von Bezahlfernsehsendern. Neben den großen Namen wie Sky (ehemals Premiere), Kabel Deutschland und die Telekom versuchen sich noch weitere Sender auf diesem Markt. RTL hat verschiedene Pay-TV-Angebote mit „RTL Crime“ und „RTL Passion“ ins Rennen geschickt. Sat1 probiert es mit „Sat1 Comedy“. Allein 2009 kamen acht neue Pay-TVAngebote auf Deutschlands Markt hinzu (vgl. ALM, 2010, S.41). 2011 wird MTV als erster privater Sender komplett auf Pay-TV umgebaut. Angefangen hatte aber das deutsche Abonnentenfernsehen in Hannover. Dort wurde erstmals 1986 der Schweizer Pay-TV-Anbieter Teleclub aktiv. Nach kurzer Testphase, die aber wenig erfolgreich verlief, wurde das Projekt trotzdem auf Oldenburg und später 20 andere deutsche Städte ausgebaut (vgl. Siebenhaar, 2010, S.14).
Nachdem „Canal Plus“ auf den deutschen Markt drängte, einigten sich dieser französische Pay-TVSender, die Bertelsmann-Tochter CLT/UFA und Leo Kirch, der Besitzer des Teleclubs. Es entstand
der Sender Premiere, der am 28. Februar 1991 auf Sendung ging. Der Teleclub wurde in diesen eingefügt und war danach nur noch in der Schweiz empfangbar.
Die Zahl der Konsumenten stieg bei Premiere von 800 000 im Jahr 1993 bis zu 1,5 Millionen 1997. Bis 2010 sollte Premiere aber nie die 3,5 Millionenmarke überschreiten (vgl. Posewang, 2004, S.2). 2007 kam es zu einem kleinen Skandal als Sky seine Abonnentenzahlen um über eine Millionen nach unten verbessern musste, nachdem bekannt wurde, dass das Unternehmen zusätzliche Kunden auflistete (vgl. Spiegel, 2008).
1996 wurde im Streit zwischen den drei Gründungsparteien von Premiere um die Fortführung des analogen oder Umsetzung des digitalen Fernsehens der Pay-TV-Sender DF1 von Leo Kirch gegründet. Die „DF1“ setzte das digitale Fernsehen um. Ein Jahr später folgte Premiere. Im Jahr 1999 kommt es zum Zusammenschluss zwischen Premiere und DF1. Bertelsmann und Canal Plus waren bei Premiere ausgestiegen, aufgrund von Problemen mit dem Kartellamt der Europäischen Union. Leo Kirch übernahm nun allein die Geschäftsführung von Deutschlands erstem Pay-
TV-Sender (vgl. Posewang, 2004, S. 3)
Leo Kirch wurde 2001 insolvent. Premieres Pleite wurde dagegen von Georg Kofler abgewandt. Er reduzierte die Kosten und vereinfachte das Sendemodell von Premiere (vgl. Siebenhaar, 2010, S.18). Ende des ersten Jahrzehnts versucht nun Robert Murdoch das Pay-TV, mit dem zu Sky im Jahr 2009 umbenannten Premiere in Deutschland aufzubauen. Murdoch hatte schon in verschiedenen Staaten aller Kontinente das Pay-TV konkurrenzfähig gemacht (vgl. Siebenhaar, 2010, S.14-24). Mit 4 Millionen Abonnements 2005 und 4,4 Millionen Kunden 2009 hat das Pay-TV in Deutschland einen beständigen Zuwachs zu verzeichnen (vgl. ALM, 2010, S.98).

3 Die Formen des Pay-TV
Mit dem Aufkommen neuer Pay-TV-Sender neben Sky veränderte sich auch das klassische Bezahlfernsehen in Deutschland. Ein Modell ist das Pay-Per-Package. Hier wird für eine bestimmte Zeit ein Themenkomplex als Sendepaket vom Abonnenten gekauft. Beim Pay-Per-Channel dagegen kann der Zuschauer eine bestimmte Zeit das komplette Angebot des Senders wahrnehmen.
Als weitere Form wird Pay-Per-View angewendet. Hierbei bezahlt der Abonnement nur für einen Film oder eine Sportübertragung. Der Decoder (Empfangsgerät für Pay-TV) wird dann für den Film zum Sendetermin freigeschaltet. Ähnlich dem Pay-Per-View ist das Near-Video-On-Demand. Bei diesem Format gibt es verschiedene mögliche Sendetermine eines Films. Beispielsweise startet der Film jede Stunde. Der Zuschauer ist
somit unabhängiger von nur einer festen Sendezeit. Einen Schritt weiter geht das Video-On-Demand. Der Abonnent kann seinen ausgewählten Film zu einem beliebigen Zeitpunkt anschauen und ist
somit zeitlich nicht gebunden (vgl. Mediendaten Südwest, 2010). Bei IPTV-Anbietern (Internet Protocol Television) werden diese Formate im Internet angewendet. Ein Beispiel hierfür ist die Telekom (vgl. ALM, 2010, S.97).

4 Die Situation in anderen Staaten
Die Entwicklung des Abonnentenfernsehens variiert je nach Staat sehr stark. Es gibt Staaten, wie Österreich, in denen das Pay-TV genau wie in Deutschland noch nach einem größeren Marktanteil sucht (vgl. Hans-Bredow-Institut, 2006, S. 271). Andere Länder in Europa sind in diesem Bereich fortgeschrittener. Unter anderem kann das Pay-TV in Italien seit einigen Jahren einen beständigen Zuwachs verzeichnen. 2009 nutzen ca. 4 Millionen Abonnenten das Angebot. Robert Murdoch hat es mit „Sky Italia“ geschafft rund 27 % aller Fernsehhaushalte an das Pay-TV-Programm zu binden (vgl. Schmidt, 2009, S. 9).
Das erfolgreichste Bezahlfernsehen in Europa ist in Groß Britannien beheimatet. Die dortigen Abonnentensender werden von ca. 36 % der gesamten Bevölkerung genutzt. Der Marktführer „BskyB“
erreicht rund 10 Millionen Abonnenten im gesamten Land (vgl. Schmidt, 2009, S. 8).
In den USA ist das Pay-TV noch populärer. Bereits 1962 wird der erste Abonnentenender gegründet. „Zenith Corporation“ setzte sich nach jahrelangem Streit mit der Lizenzierungsbehörde FCC
(Federal Communication Comission) durch. Der Sender hielt sich allerdings nur bis 1966. Dennoch wurde damit der Weg für andere Anbieter rechtlich vorbereitet (vgl. Medialine.de, 2010). Im Jahr 2005 wurden 40 % der amerikanischen Fernsehhaushalte mit Pay-TV versorgt (vgl. Hans-Bredow-Institut, 2006, S. 362). Ein anderes Beispiel für einen Staat, in dem das Bezahlfernsehen funktioniert, ist Japan. Das liegt aber vor allem an der dortigen Kultur. Dort werden diese Sender nicht nur über den Kunden, sondern auch über Werbung finanziert. Eine Sendung, die 45 Minuten dauern soll, wird oft durch 60 Minuten Werbung gestreckt (vgl. Wittkamp, 2008, S.31). Außerdem sind auf dem japanischen Markt nur zwei Pay-TV-Sender („WOWOW“ und „Sky PerfecTV!“) vertreten. Somit ist die Konkurrenz sehr gering. „Sky PerfecTV!“ erreicht ungefähr 3,5 Millionen Abonnenten (vgl. Hans-Bredow-Institut, 2006, S. 172).

5 Hat Pay-TV eine Zukunft in Deutschland?
Andere Staaten machen es vor, dass Pay-TV funktionieren kann. Deutschlands Bezahlfernsehsender wollen dem Beispiel folgen und wachsen. Oftmals wurde aber in der Vergangenheit die Ziele zu verfehlt (vgl. Siebenhaar, 2010, S.23). Trotzdem gibt es einige Argumente, die die These stärken, dass das Pay-TV zukunftsfähig ist. Seit der Gründung von Premiere ist ein stetiger Anstieg der Abonnentenzahlen zu beobachten. Durch die zahlreichen Neugründungen konnte die Branche einen deutlichen Zuwachs verzeichnen. Unter anderem hat die Telekom ca. eine Millionen Kunden seit der Bereitstellung von Pay-TV-Angeboten 2006 erreicht (vgl. ALM, 2010, S. 97).
Ein Vorteil des Bezahlfernsehens im Gegensatz zum Free-TV (öffentlich-rechtliche und über Werbung finanzierte, private Sender) ist, dass der Abonnent besser seine Fernsehbedürfnisse organisieren kann, da er nur das bezahlt was für ihn interessant ist. Außerdem kann der Kunde seine Sendezeiten frei wählen. Eine weitere Attraktivität des Pay-TV besteht in der Tatsache, dass sich diese zum Großteil vom Konsumenten finanzieren lassen und Sendungen werbefrei verfolgt werden können (Hans-Bredow-Institut, 2010, S. 110). Der eindeutigste Beweis für die Zukunftsfähigkeit des Abonnentenfernsehens liegt in der Fernsehkrise der großen Privatsender, die durch die Wirtschaftskrise 2009 ausgelöst wurde. Die Umsatzzahlen der Sender sind dramatisch zurückgegangen. Der RTL-Vorstandschef Gerhard Zeiler erklärt: „Jedes kommerzielle Fernsehunternehmen wird eine Pay-Strategie benötigen“ (Zeiler 2009, zitiert nach Siebenhaar 2010, S. 21). Auf der anderen Seite stehen aber auch zahlreiche Gründe, die das Wachstum des Pay-TV stagnieren lassen könnten. Wirtschaftlich geschwächt wird das Bezahlfernsehen durch Piraterie. Die Verschlüsselungstechniken werden von vielen Menschen umgangen. Im Internet kursieren zahlreiche Foren, in denen diese Methoden beschrieben werden (Slama, 2005, S.13).
Weiterhin haben es die Anbieter schwer sich gegen die Programmvielfalt in Deutschland durchsetzen. In nur wenigen Ländern herrscht solch eine starke Konkurrenz wie auf dem deutschen Markt (Siebenhaar, 2010, S. 20). Dadurch ist die Auswahl für den Konsumenten sehr groß und entscheidet sich oft für die kostenlose Variante des Fernsehens oder legale und illegale Angebote aus dem Internet. Zurzeit werden außer den Live-Sportübertragungen keine Sendungen ausgestrahlt, die nicht Free-TV gesehen werden können. Der Wirtschaftsredakteur Hans-Peter Siebenhaar rät: „Statt zusammengekaufter Massenware aus Hollywood… müsste Sky auf originelle Eigen- und Koproduktionen setzen.“(Siebenhaar, 2010, S. 24).
Die GEZ spielt eine weitere Rolle in der Zukunftsfähigkeit des deutschen Pay-TV. Durch diese gesetzlich vorgegebenen Kosten sind weniger Menschen bereit sich Bezahlfernsehen zu leisten. Durch die GEZ-Gebühr sind die öffentlich-rechtlichen Sender auch gegen Insolvenzen gesichert. Diese bekommen so durch den deutschen Staat einen Wettbewerbsvorteil garantiert. Ein weiteres Kriterium, warum sich die Bezahlfernsehsender nur schwer durchsetzen, ist ein rechtliches Hindernis. Im Rundfunkstaatsvertrag ist geregelt, dass Großereignisse (z.B. Fußball-Weltmeisterschaft) nur von Pay-TV-Sendern ausgestrahlt werden dürfen, wenn gleichzeitig diese Sendung
im Free-TV ausgestrahlt wird (vgl. RStV, 2010, S. 9). Damit wird dem Abonnentenfernsehen eine Möglichkeit unterbunden sich durch die exklusiven Übertragungen von Großveranstaltungen attraktiver für neue Kunden zu machen.

6 Fazit
Das Pay-TV in Deutschland wurde von vielen Krisen, wie der Insolvenz von Leo Kirch und den gefälschten Abonnentenzahlen zurückgeworfen. Durch die angeführten Argumente ist aber abzusehen, dass sich das Pay-TV in Deutschland weiterentwickelt. Nicht nur weil Sender wie MTV, RTL oder Sat1 ihr Glück ganz oder teilweise im Abonnentenfernsehen versuchen, sondern auch durch die zahlreichen Neugründungen, die das Angebot weiter vergrößern. In Zukunft wird vermehrt in der deutschen Bevölkerung der Fall sein, das Pay-TV konsumiert wird. Dann wird erst bezahlt und dann geschaut.

Literatur- und Quellenverzeichnis

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DWDL.DE 2010
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http://www.dwdl.de/story/28195/kapitulation_oder_trendsetter_mtv_wird_paytv/page_0.html
(Abruf: 06.11.2010)

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http://www.ftd.de/it-medien/medien-internet/:fernsehen-mtv-wird-bezahlsender/50178533.html
(Abruf: 05.11.2010)

MEDIALINE.DE 2010
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http://www.medialine.de/deutsch/wissen/medialexikon.php?snr=4240 (Abruf: 20.11.2010)

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URL: http://www.blm.de/apps/documentbase/data/pdf1/24-26_pay-tv.pdf (Abruf: 06.11.2010)

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